Port Royal: Ein Auftrag geht noch…

P1140055 (2)Auf beliebte Spiele folgen Erweiterungen. Meistens bringen diese dann mehr Material vom Bestehenden mit, fügen einen weiteren Spieler hinzu und/oder führen eine neue Mechanik ein, die das Spiel zwar ergänzt, aber nicht völlig auf den Kopf stellt. Ein völlig neues Spielerlebnis haben bisher nur wenige Erweiterungen schaffen können. Ein Beispiel dafür ist diese Erweiterung zum Kartenspiel Port Royal.

Betrachtet man das Spielmaterial nüchtern, hat auch diese Erweiterung nicht viel Aufregendes zu bieten. Es kommen ein paar neue Schiffe hinzu, von denen jeweils eines pro Farbe zusätzlich zum Ertrag von drei Münzen für den Spieler, der mit dem Schiff handelt, auch jeweils eine Münze für alle Mitspieler einbringt. Zudem gibt es drei neue Personenkarten: die Kontoristen sind jeweils einer Schiffsfarbe zugewiesen und erlauben es, sollte man sie in der eigenen Ablage haben, beim Handeln mit einem korrespondierenden Schiff zusätzlich eine weitere Karte aus der Auslage zu nehmen. Die Kanoniere bringen jeweils eine Münze weniger als in der Auslage liegende Schiffe ein, wenn man in der Phase Handeln und Heuern am Zug ist. Und auch der Vizeadmiral gibt Geld, und zwar wenn sich drei oder vier Karten in der Auslage befinden, wenn man beim Handeln und Heuern an die Reihe kommt.
Dazu gesellen sich insgesamt 16 weitere, großformatige Karten, die Aufträge. Sie geben bestimmte Vorgaben, die erfüllt werden wollen, wie zum Beispiel zwei bestimmte Personenkarten in der Auslage zu haben, mit bestimmten Schiffen nicht zu handeln oder auch riskant zu spielen und möglichst viele verschiedene Schiffe zu entdecken. Von diesen werden vor Spielbeginn vier Aufträge aufgedeckt, die nun im Spiel zusätzlich erfüllt werden können. Dazu bekommt jeder Spieler drei kleine Würfel, mit denen er die erfüllten oder begonnenen Aufträge markieren kann. Jeder Auftrag darf dabei höchstens einmal pro Spieler erfüllt werden. Für einen erfüllten Auftrag gibt es meist Münzen als Belohnung; wer früher einen Auftrag erledigt bekommt mehr als die nachfolgenden Spieler. Für den zweiten erfüllten Auftag gibt zusätzlich einen Siegpunkt, für den dritten zusätzlich zwei Siegpunkte. Das Spielende bleibt dabei völlig gleich. Es kommen also lediglich ein paar neue Funktionen und eine neue Möglichkeit, an Siegpunkte zu kommen, hinzu. Aber halt?! Dort sind ja noch zwei Aufträge in einem anderen Design. Was hat es denn mit denen auf sich?

Der Aha-Moment dieser Erweiterung liegt in einem zweiten neuen Spielprinzip. Bisher ist das Spiel kompetitiv konzipiert, die Spieler spielen also gegeneinander. Doch das neue Spielmaterial und eine kleine Regelerweiterung erlauben es, das ganze auch kooperativ in der Gruppe oder aber auch solo zu spielen. Dazu werden – je nach Spieleranzahl – eine bestimmt Anzahl an Aufträgen beim Spielaufbau bereitgelegt. Im Solospiel drei, im Spiel zu fünft ganze 11. Die zwei anders aussehenden Aufträge werden dabei mit eingemischt, sie sind speziell für diese Variante konzipiert. Zusätzlich wird von den normalen Spielkarten ein zweiter, sogenannter Zeitstapel gebildet. Dazu werden generell erst einmal 13 Karten abgezählt; zusätzlich kommen nun noch ein paar Karten hinzu, je nach dem welche Aufträge ausliegen. Dazu trägt jede der Auftragskarten ein Siegel mit einer Zahlen- und Buchstabenkombination. Zuerst werden die Zahlenwerte der Siegel miteinander addiert und die entsprechende Anzahl an Karten dem Zeitstapel zugefügt. Anschließend gibt es für jeden unterschiedlichen Buchstaben auf den Siegeln noch mal eine zusätzliche Karte für den Stapel.
Im Spiel wird dann die erste Karte der Entdeckungsphase immer vom Zeitstapel gezogen, die restlichen wie gewohnt vom normalen Nachziehstapel. Ziel des kooperativen Spieles ist es, alle Aufträge mindestens von einem Spieler erfüllt zu haben. Jeder Spieler darf weiterhin dabei auch bereits von anderen Spielern erfüllte Aufträge ebenfalls erfüllen, jedoch stehen auch hier jedem Spieler nur maximal drei Möglichkeiten zur Verfügung. Ist der Zeitstapel aufgebraucht, bevor alle Aufträge erfüllt wurden, hat die Gruppe verloren. Bei Erfolg trifft zudem eine Wertung des Ergebnisses ein. Bereits nach dem Zusammenstellen des Zeitstapels kann die Gruppe entscheiden, ob und wenn ja, wie viele Karten sie von diesem Stapel beiseite legen möchte. Bei jeder Steuerabgabe kann die Gruppe zusätzlich eine weitere Karte zur Seite legen. Dadurch verkürzt sich natürlich die Spielzeit, jede beiseite gelegte Karte gibt allerdings am Ende einen Punkt, und erst mit acht oder mehr Punkten ist man Herrscher über alle Meere.


Alexander Pfister ist mit dieser Erweiterung vor bereits zwei Jahren einem kleinen Trend gefolgt. Kooperative Spiele waren damals im Kommen und sind auch heute noch sehr beliebt. Er hat es allerdings geschafft, dass diese Erweiterung (und der damit verbundene andere Ansatz) sich nicht nur nahtlos mit dem Grundspiel verwebt, nein, sie gibt sogar einigen Mechaniken des Grundspiels völlig neue Bedeutung, ohne dass dazu etwas an den Regeln geändert werden musste: Die Abgabe einer Münze, wenn man als nicht aktiver Spieler eine Karte aus der Auslage nimmt, wird somit zu einer viel interessanteren taktischen Entscheidung für die Gruppe. Sogar das Handeln mit einem Eine-Münze-Schiff ist dann lukrativ. Zwar bekommt der Spieler, der die Karte nimmt, nicht mehr Geld dadurch, da er ja aber eine Münze einem anderen Spieler zahlen muss, erhöht sich das Vermögen der Gruppe. Auch beeinflusst die kooperative Sicht die Entdeckungsphase. Jetzt zockt man nicht mehr nur für sich alleine, sondern für die ganze Gruppe. Wer braucht noch was, um einen Auftrag zu erfüllen? Wer will welche Karte aus der Auslage kaufen, um weiter zu kommen? Brauchen wir vielleicht noch ein weiteres Schiff? So ändern sich das Spielgefühl drastisch – und gerade in großen Gruppen sogar noch mal deutlich zum Positiven. Die zusätzlichen Möglichkeiten und die Interaktion heben das Spiel auf eine andere Ebene.
Zu zweit hat der kooperative Ansatz nicht ganz so viel Potential. Er funktioniert –  keine Frage -, interessanter ist dort aber meiner Meinung nach weiterhin je kompetitive Variante. Neue Kartenfunktionen sind immer schön, ob man dann aber auch die Auftragskarten braucht oder nicht, das ist Geschmackssache – wie so oft bei Erweiterungen.
Diese Erweiterung hat mich positiv überrascht und bringt dank der neuen Perspektive ein ganz anderes Spielgefühl auf den Tisch. Pegasus Spiele und Autor Alexander Pfister haben es aber selbst nach diesem interessanten Kniff noch mals geschafft, mich mit einer weiteren, zweiten Erweiterung zu überraschen.

P1140056 (2)
Autor: Alexander Pfister
Verlag: Pegasus Spiele
Erschienen: 2015
Spieldauer: 20-50 Minuten
Spieler: 1-5 Spieler, ab 8 Jahren